Zwischen Fortschritt und PR-Show
Die Berlin Fashion Week SS26 ist zurück – laut, widersprüchlich und wie immer ein bisschen chaotisch. Mit mehr als 300.000 Besucher:innen in der Stadt zeigte sich Berlin als kreatives Labor, irgendwo zwischen Clubkultur, Nachhaltigkeitsrhetorik und echter Veränderung.
Was war neu?
Mehr internationale Perspektiven:
Mit Labels wie BUZIGAHILL (Uganda), Palmwine IceCREAM (Ghana) und Orange Culture (Nigeria) wurde der Fokus auf nicht-westliche Stimmen verstärkt – eine spürbare Erweiterung im Berlin Contemporary-Programm.
Öffnung zur Stadt:
Die Studio2Retail-Pop-ups erlaubten erstmals direkteren Zugang zur Szene – ohne Invite, ohne Dresscode. Besonders APOC x Madomorpho stachen heraus: queer, roh, zugänglich.
Nachhaltigkeit als offizielles Ziel:
Rund 35 Marken testeten neue BFW-Nachhaltigkeitsstandards, die ab 2026 verpflichtend werden sollen. Auch beim #FASHIONTECH-Event wurde über grüne Innovationen und digitale Zukunft diskutiert – 6.000 Besucher:innenkamen, das Catering war komplett plastikfrei.







Was lief schief?
Logistikprobleme:
Mehrere Besucher:innen berichteten von Showrooms, die unzugänglich waren – teils mussten Gäste improvisieren, um überhaupt reinzukommen.
Kalenderverwirrung:
Die Verschiebung der BFW-Termine, um Überschneidungen mit New York zu vermeiden, führte bei kleineren Modeschauen zu Desorientierung.
Geld und Greenwashing?
Während Nachhaltigkeit in jedem Lookbook stand, gab es online Kritik:
€3,5 Millionen an Fördermitteln flossen in große Events – während viele lokale Handwerksbetriebe davon nichts sahen.
Und obwohl Solarenergie und Recycling-Stoffe gefeiert wurden, bleibt die Branche CO₂-Königin: Die Modeindustrie verursacht 10 % der weltweiten Emissionen – mehr als Flug- und Schifffahrt zusammen.
Diversität – echt oder nur Image?
19 Marken bei Berlin Contemporary präsentierten queere, diverse und nicht-westliche Designs. Aber:
Weniger als 25 % der Designer:innen weltweit stammen aus nicht-westlichen Regionen. Die Vielfalt ist sichtbar, aber noch nicht strukturell verankert.
Dazwischen gab’s echte Berlin-Vibes:
Im KitKat Club zeigte das Projekt Human Touch live schweißtreibende Näh-Performances. Und in Neukölln tauchte spontan eine Show in einem Parkhaus auf – keine Gästeliste, keine PR. Nur Mode, die atmen wollte.
Models, Arbeit und Selbstdarstellung
Die Bedingungen hinter den Kulissen wurden von Models überraschend positiv bewertet (Ø 4,3–4,6 von 5). Aber die Realität bleibt hart: Durchschnittlich 26.000 € Jahresgehalt, bei langen Tagen und Sichtbarkeit, die vom Algorithmus abhängt.
Fazit
Die BFW SS26 zeigt Mut zur Öffnung und Internationalität. Es gibt mehr Gespräche über Nachhaltigkeit, Diversität und Zukunft. Aber vieles bleibt Widerspruch: Fördergeld trifft auf DIY-Kultur, grüne Claims auf Fast Fashion, globale Schlagworte auf Berliner Realität.
Berlin ist keine perfekte Fashion Week. Und genau das macht sie interessant: Sie zeigt, wie Mode nicht nur glänzt – sondern auch knirscht.
Zahlen am Schluss
Manche Models machen mittlerweile Selfies beim Laufen über den Catwalk – ja, auch das ist Berlin 2025 📸
300.000+ Besucher:innen bei der SS26
Die Modebranche verursacht 10 % der globalen CO₂-Emissionen
Ein Kleidungsstück wird im Schnitt 7–10 Mal getragen, bevor es weggeworfen wird
In Deutschland landen jährlich ~390.000 Tonnen Kleidung im Müll
< 25 % der Designer:innen auf globalen Laufstegen kommen aus nicht-westlichen Ländern
